Trostschrift an Marcia – Seneca

Einer der wichtigsten Philosophen der Antike – Seneca – schreibt an eine Trauernde Mutter, Marica, einen philosophisch, psychologischen Trostbrief.

Trostschrift an Marcia / De Consolatione

Marcia ist eine Adlige im antiken Rom. Sie hat durch Schiksalschlag ihren Sohn verloren durch den Tod, um den Marcia schon viele Jahre trauert. Der Philosoph der Stoa, Seneca, schreibt ihr einen längeren Brief, um sie aufzumuntern, ihren Schmerz im Herzen zu bergen, aber nicht ihr ganzes Leben ausschließlich dem Schmerz zu widmen und dadurch das Geschenk des Lebens zu vernachlässigen. Über drei Jahre trauert Marcia um den hochgliebten Sohn und Seneca möchte sie zur “inneren Ordnung” aufrufen, um sie loszulösen aus einem kreisförmigen, zirkulären Trauergefühl, dass Seneca beschreibt als Selbstzweckhaftigkeit. Selbstzweckhaftigkeit hat etwas nicht originäres, heilsames, innerliches, sondern etwas exaltiertes, aufgesetztes, oberflächliches und nicht authentisches. Mit anderen Worten ist aufgesetzte Trauer nicht heilsam für die Seele.

Seneca schreibt in der Ausgaber der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt 1999, Seite 317 ff.:

“Nach der Hinrichtung deines Vaters hast du dich wieder in den Verkehr der Menschen zurückgeführt und deine Kraft für die römische Literatur vorbildlich eingesetzt…. Diese Größe Deiner Gesinnung verbietet es mir, auf dein Geschlecht Rücksicht zu nehmen, auf dein Antlitz, das die so vieler Jahre ständiger Trauer, nachdem sie es einmal verdüstert hat, gefangenhält

Uns sie, wie ich mich nicht einschmeicheln will bei dir noch unlauteres Spiel mit deinen Gefühlen zu treiben gedenke:

Altes Unglück habe ich wieder zu Bewußtsein gebracht, und damit du weißt, daß auch dieser Schlag zu heilen ist, habe ich dir gezeigt eine Narbe von gleich schwerer Verwundung…. ich bin entschlossen mit deiner Trauer zu kämpfen und deine ermüdeten leergeweinten Augen, die bereits mehr aus Gewohnheit als aus Sehnsucht fließen, will ich einhalten lassen……

Gerade jenes natürlich Heilmittel der Zeit, das auch den schwersten Kummer lindert, an dir allein hat es seine Kraft vertan. Das dritte Jahr ist schon vergangen, ohne daß inzwischen von jenem Ansturm etwas nachgelassen hätte: es erneuert sich und gewinnt an Stärke täglich die Trauer und schon sie sich Recht durch Verzug geschaffen; dahin hat sie sich führen lassen, daß sie sich führen lassen, daß sie es für schändlich hält aufzuhören.

Denn die Heilung von Wunden ist leicht, solange sie noch vom Blute frisch sind; dann werden sie gekautert und gehen in die Tiefe …  mit sanfter Weise kann ich nicht weiter kommen – der verhärtete Schmerz muß mit härteren Mitteln gebrochen werden….

Seneca zählt vorbildhafte Beispiele aus dem Umkreis von Marcia auf, die sich nicht auf einen Lebens-Bewegungs-Gedanken haben einschränken lassen, sondern ihren Geist für viele Lebensimpulse hin offen gestaltet haben.

Kein Ende, durch die ganze Last Zeit ihres Lebens machte sie mit ihrem Weinen und Seufzen und keine Worte ließ sie zu sich, wenn sie etwas Heilsames brauchten, nicht einmal sich ablenken zu lassen, hat sie geduldet, nur mit einem Gedanken  beschäftigt, und ihm in der ganze Seele anhängend.

Inwiefern die Zeit das wichtigste und natürlichste Heilmittel der Trauer ist, möchte ich als Trauerbegleiter  dahingestellt sein lassen. Der landläufig gebrauchte Spruch: “Die Zeit heilt alle Wunden” ist auf jeden Fall nicht wirklich tragfähig, denn insbesondere bei traumatisierten Patienten bedarf es einer elaborierten Behandlung, denn sonst bleiben die Schäden im Seelenkostüm dauerhaft verankert.

 

Autor:

Holger Wende

zertifizierter Trauerbegleiter

Bildrechte Wikipedia Von Seneca the Younger – 2d copy, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48540371

Sie können sich das auch vorlesen lassen: Hier das Video hören-sehen:

Posted by Holger Wende