Prof Verena Kast Vortrag

Die berühmte Trauer-Psychologin und Professorin Verena Kast hat im Volksdorfer Hospiz am 2.3.2017 einen Vortrag gehalten zum Thema

Sinn des Lebens in der Abschiedsphase.

Vor 300 Gästen hielt Verena Kast einen sehr lichtvollen Vortrag über die Sinnsuche des Lebens. Um gleich das Hauptanliegen der ewigen sinnbezüglichen Lebensführung  zu klären.

Mitnichten sollte und kann man in jeder Lebensphase eine klare Sinn-Ausrichtung festmachen und ein sinngestiftetes Leben führen.  

Ganz im Sinne von Heidegger und seiner breit getragenen Formulierung über das Leben als “Geworfenheit des Seins”, sagt Verena Kast, dass die Sinnhaftigkeit des Lebens in Umbruchsituationen darin besteht, dass man die Sinnlosigkeit aushalten kann und halten kann.

Fallstudie

Verena Kast berichtet von einer Patientin, die sie in der Psychotherapie begleitet hat.  Der Ehemann hat sie mit Anfang 50 verlassen, was natürlich als Vorwurf formuliert wird, “er hat mich verlassen”. Ihr Freundeskreis macht ihr allerlei Vorschriften, wie sie sich in ihrer Trauer zu verhalten hätte. Selbstverständlich kein guter Weg mit Freunden in der Trauer umzugehen. Auch sei es komisch sich in die Arbeit zu stürzen in der Trauer. Verena Kast stellt richtig, dass sie es als völlig normal erachtet, die Arbeit als Rahmen und Stütze zu betrachten. In diesen Umbruchzeiten bewertet sie ihren Freundeskreis neu, in die Vorschriften-Macher und empathischen Begleiter. Von den Vorschriften-Menschen hat sie sich alsbaldigst getrennt. Sie wäre eine Patientin gewesen mit einer “depressiven Struktur”. Damit differenziert Kast dieses Phänomen als Wesenseigenschaft von einer Depression in seiner ganzen Bandbreite. Durch den Verlust der Bezugsperson wird diese depressive Ader verstärkt. Insbesondere die auch von uns schon beschriebene Phänomenologie der Enthauptung der Selbstbestimmung hat auch Verena Kast als ein ganz wichtiges Moment im Trauerprozess beschrieben.  Umschreiben könnte man diese fehlende Selbstbestimmung als Neuerfahrung im Leben, denn das Schicksal fragt vorher offensichtlich nicht an, ob der Tod jetzt recht sei. Eine Ebene weiter gedacht könnte dann der Gedanke heißen: ” was kann noch alles geschehen, ohne das man gefragt wird”. Insgesamt also eine Lebensverunsicherung und Entwurzelung. Sie nannte es “kosmische Differenz” .   Eine einprägsame Formulierung wählte Kast:

Es gibt auch eine Menschenwürde in der Sinnfreiheit.

Die o.g.Patientin hat zunächst versucht mit der Therapeutin eine paarige Kommunikation fortzuführen. Nach einiger Zeit kam sie darauf, dass das ganze Leben sinnlos sei. Alle Schönheit und alles Empfinden von und über Schönheit ist ihr entglitten. Das Beziehungsselbst muss zurückorganisiert werden zum Eigenselbst. Eine über Jahrzehnte gelebte Ich-Du-Beziehung ist nun zerbrochen worden und die darin innenwohnende Sinnstiftung im gemeinsamen Sein entfällt brutal und scheinbar ersatzlos. Eine Sinnstiftung wird durch Lebenswerke gezeitigt, wie Kinder, Häuser, andere Ereignis-Burgen des Seins. Leider ist nicht jedes Lebenswerk von Stetigkeit geprägt. Die Klientin haderte dann auch mit dem Haus, dass eigentlich für die Zweisamkeit genutzt und gedacht war.

Ziel von Trauerbegleitung und Therapie sollte sein das Beziehungsselbst sich neu entwickeln zu lassen. Es muß sich mit neuen Perspektiven der Weltschönheit widmen und diese einatmen. “Alles ist unsicher, aber ich fühle mich frei”  waren dann Gedanken nach über einem Jahr Therapie.  In der Therapeutischen Fachsprache ist der Terminus

posttraumatic groth – posttraumatisches Wachstum entwickelt worden –Wikilink oder hier auf Deutsch.

Das posttraumatische Wachstum ist eine der ganz wunderbaren und schönen Fähigkeiten der menschlichen Psyche. Eine Reife nach dem Trauma kann den Charakter noch weiter schönen und schärfen.  Gegen die empfundene fundamentale Einsamkeit ist das beste Antidot die Liebe. Die Welterschütterung, die durch den plötzlichen Verlust eines Menschen um sich greift im Sein, ist manchmal so stark, dass die eigene Identität als unterhöhlt und fragwürdig erscheint.  Identitätsstiftende Wurzeln sind super wichtig in unserer Lebensführung.

Neu-Verwurzelungen im Lebenskreis als Sinnstiftung des Seins

Diese Wurzelungen zu schaffen ist eine Idee der Therapie und der Trauerbegleitung. Wurzelungen können auch geschaffen werden durch das Empfinden von Lust und Freude, denn auch die o.g. hatte nach 1.5 Jahren Therapie den Sensus für das Schöne der Welt wiederentdeckt. “Ich habe viel mehr Freude im Leben, bin im Modus des Bekommens.” Trauer und Wehmut über den Verlust sind naturbedingt im Verlustprozess eingewoben. Das Gefühl der Dankbarkeit war angeblich vorherrschend bei der Klientin, aber Verena Kast empfand das nicht als authentisch. Sie meinte, dass Sie als Therapeutin gar nicht wahrgenommen worden wäre und ganz überflüssig sich gefühlt hätte.  Eine schöne Art des understatements.

Verwurzelung durch Tun

Die Patientin hat sich inzwischen neue Welten erschlossen über Sinnerfahrung im Handeln, indem sie sich für andere Menschen engagiert und dadurch eine Reife im Handeln erreicht hat – posttraumatic groth sei dank.

projektive Unterwerfung

Auch interessant die projektive Unterwerfung in Beziehungen, die Verena Kast erläuterte. In der Kommunikation zwischen Menschen wird durch zuviel antizipiertes Denken manchmal der Loriot-Effekt hervorgerufen. Einer völlig entkörperten Gedankenführung, die nicht dialogisch ist, sondern monolithisch Statements in die Zukunft verlängert, ohne zu erspüren oder zu erfragen was die gegenwärtige Bedürfnislage ist.  Anbei ein Beispiel, wie die projektive Unterwerfung durch offene Kommunikation gelöst werden kann.

a)”Wenn du das und das tust, bekommst du nicht deinen Sonntagsbraten um 12 Uhr.”

b) “Gott sei dank, ich kann den Braten schon seit 10 Jahren nicht mehr sehen.”

Insgesamt sehr berauschende 90 Minuten im Schweizer Dialekt, die auch nach einem 11 Stundentag noch die Seelenflügel höher schlagen lassen.

 

 

Posted by Holger Wende