Friedhofsgeschichte

Prof. Reiner Sörries, langjähriger Leiter des Sepulkralmuseums in Kassel, hat eine umfangreiche, hochwissende Kulturgeschichte des Friedhofes geschrieben mit dem Titel:

Ruhe Sanft

Das 2009 erschienene Buch reist einmal quer durch die Kulturgeschichte der europäischen Welt. Angefangen von der Antike und der Familiären Totenfürsorge, siehe auch hier, bis zu dem Wegentscheid zwischen Feuerbestattung und Erdbestattung durch Kaiser Karl den Großen, der für die nächsten 1000 Jahre die Feuerbestattungen verboten hat, kann Prof Sörries auf den 288 Seiten lichtbringend über die Neuanlagen von Friedhöfen berichten, die bis zur Reformation durch Martin Luther bei den Heiligen idealer Weise bestattet werden sollten. Das heißt übersetzt möglichst in der Nähe der Ältere im Kirchenraum. Je reicher die Familie war, oder je höher der Stand war, desto eher die Chance innerhalb einer der Zentralkirchen der Stadt eine eigene Familienseitenkapelle zu bekommen.  Ad Sancotos -bei den Heiligen war die Devise. Nach Luther bekamen die Friedhöfe mehr Autonomie und konnten abgekoppelt von den Kirchen gedacht und erbaut werden. Friedhöfe waren Jahrhunderte lang das Vorrecht der Kirche und es gab nur kirchliche Friedhöfe. Demzufolge durften dann auch deutlich abgewandte Menschen, die sich gegen die Gesetze vergangen hatten und insbesondere die Kirchengesetze, nicht auf den kirchlichen Friedhöfen bestattet werden, wie z.B. die Selbstmörder.  Im Zuge der Säkularisierung im 18. Jahrhundert wurde viele staatliche Verwaltungseinheiten geschaffen, nicht zuletzt auch, um die Machtzentren der Kirche zu brechen. Seit dem 19 Jahrhundert wächst nicht nur massiv das Bedürfnis einer indiviudellen Begräbnisstätte, sondern über werden auch öffentlich-rechtlich verankerte, staatliche Friedhöfe gewidmet und in Betrieb genommen. Prof Sörries nennt diese Zeit die “Enteignung der kirchlichen Friedhöfe”. Das Buch liest sich gut, wer Interesse an historischen Verfugungen der Gesellschaft hat, die eng verbunden sind mit den religösen und staatlichen Machtzentren. Die Idee der Re-Anonymisierung der Gräber kam aus der DDR, die die Menschen weniger als Individuum betrachtet haben, sondern als Volksgemeinschaft an-sich, ohne eine besondere Wertigkeit einem Toten in der Zukunft Ehre zu erweisen oder Trauer zu weinen. Das Buch kostet 24,95 €

Reiner Sörries: „Ruhe sanft“. Kulturgeschichte des Friedhofs. Butzon & Bercker Verlag, Kevelaer 2009. 331 S., Abb., geb., 24,95 €.

Hier finden Sie eine Buchbesprechung in der FAZ, link. 

Posted by Holger Wende